Journaling Arten #1 – Schreibend reflektieren und optimieren

Es gibt immer mehr Journaling-Arten, die ihren Weg zu  begeisterten Journalschreibern finden. Bei der Fülle an verschiedenen Methoden ist es nicht ganz leicht, den Überblick zu behalten, deshalb möchte ich euch die verschiedenen Arten des Journalschreibens und -gestaltens kurz vorstellen. In diesem ersten Teil geht es um die Formen, bei denen es hauptsächlich ums Schreiben geht.

Hier kannst du dir zur Einstimmung den Song „Dear Diary“ von Travis auf Youtube ansehen.
https://youtu.be/pSrKKHTJLQ0

Chronik

Ursprünglich war die Funktion von Tagebüchern die Erstellung einer Chronik von Ereignissen. Christian Schärf stellt in seinem Buch „Schreiben Tag für Tag.“ verschiedene Möglichkeiten vor, wie man eine solche Chronik ausgestalten kann – minimalistisch, pedantisch, protokollartig oder kommentierend. Sie alle dienen der Erstellung der eigenen Biografie, allerdings auf einer sehr sachlichen, faktenorientierten Weise.

» Beim Tagebuchschreiben ist alles möglich und alles erlaubt. « Christian Schärf, Schreiben Tag für Tag, 2012, S. 16

Erzähltes Leben

Das Pendant zur Chronik ist die Form des erzählten Lebens, also dem detailreich beschriebenen Tag. In dieser Tagebuchform bleibt man immer noch sehr sachlich, aber erzählt die Ereignisse des Tages als lebendige Geschichten. Ich vermute, viele stellen sich unter Tagebuchschreiben etwas Größeres vor, nämlich die ausführliche Reflektion des Tages bei der zusätzlich die eigenen Empfindungen und Gedanken in den Tagebucheintrag mit einfließen. Gerade bei dieser Form formulieren viele Tagebuchschreiber ihre Einträge ähnlich wie in einem Brief, der sich an einen engen Vertrauten richtet. Die Anrede

Liebes Tagebuch …

ist dabei nur eine mögliche Form der Ansprache. Als Kind habe ich das auch so gehandhabt, empfand es aber stets als etwas albern. Aber vielen hilft es, überhaupt in einen Schreibfluss zu kommen, wenn sie ihre Gedanken an etwas oder jemanden richten. Die einen schreiben an sich selbst, andere an einen imaginären oder realen Freund – an einen Vertrauten, der sich alles in Ruhe anhört und nicht urteilt.

»Wer philosophierend schreibt, spaltet sein Ich. Es tritt als lehrendes Ich seinem betroffenen Ich gegenüber. […] Das Tagebuch-Ich will sein Ich überwinden und das Absolute jenseits des Ich auf dem Grunde seiner Seele erfassen. « Lutz von Werder, Schreiben von Tag zu Tag, 1998, S. 192

Literarisches und Philosophisches Tagebuch

Wem das alles zu banal ist, für den ist vielleicht ein Literarisches oder Philosophisches Tagebuch das Richtige. Beim Literarischen Tagebuch spielt man mit Worten und Sätzen, wendet Methoden des Kreativen Schreibens an oder experimentiert mit literarischen Formen wie Gedichten. Der peotische Zugang zu seinen Gefühlen aktiviert die rechte Gehirnseite und so wird das eigene Unbewusste ins Tagebuchschreiben mit einbezogen (vgl. von Werder, 1998). Viele Werke der Literaturgeschichte sind aus den Tagebüchern der Autoren hervorgegangen, aber das heißt nicht, dass man Schriftsteller sein muss, um in seinem Tagebuch literarische Texte zu schreiben.
Zuletzt sei noch kurz das Philosophische Tagebuch erwähnt. Nach Lutz von Werder folgt es der antiken Maxime Erkenne dich selbst. Das Journaling knüpft an diesem Motto an.

Journaling

Beim Journaling wird das Tagebuchschreiben zu einer Selbstcoachingmethode, die  dazu dient, sich selbst zu optimieren. Es geht oft um die Reflexion und Auseinandersetzung mit konkreten Themen oder Fragestellungen. Dabei wird mit sogenannten Reizfragen gearbeitet. Statt also den Tag zu rekapitulieren, beantwortet man sich schriftlich eine Frage. Dabei kann es schon mal sehr tiefgründig werden, denn das Ziel ist es, Emotionen zu Gedanken herauszulocken, die sich irgendwo tief in uns versteckt haben. Beim Journaling tritt man also automatisch in einen Dialog mit seinem Unterbewusstsein, was sehr aufschlussreich sein kann und für die angestrebte Optimierung natürlich enorm wichtig ist.

Neugierig geworden? Dann probiere doch einmal meine Schreibimpulse zum Thema Gewohnheiten aus. Weitere Reizfragen findest du im Netz, dort wimmelt es nur so von Schreibimpulsen, Schreibanreizen oder Journal(ing) Prompts. Sehr empfehlen kann ich den Blog von Juliane Tranacher. Dort gibt es immer wieder 25 Impulsfragen zu einzelnen Themen. Für den Einstieg eignen sich ihre Fragen für mehr Selbstreflexion. Sehr schön finde ich zum Beispiel diese drei Fragen:

  1. Welche Gedanken kreisen momentan immer wieder durch deinen Kopf?
  2. Sind diese Gedanken wahr?
  3. Welche Gedanken möchtest du festhalten, welche loslassen?

Wem es schwer fällt, sich aus der Fülle an Fragen die richtige rauszupicken, könnte es mit dem Journaling-E-Mail-Seminar „Das bin ich. Das will ich. Ich lieb mich.“ von Denise Fritsch versuchen. Diesen habe ich kürzlich gemacht und war wirklich richtig traurig, als er zu Ende war. Vier Wochen lang erhält man täglich eine Frage per E-Mail, deren Beantwortung auf etwa 10 Minuten angedacht ist. Denise führt mit Fragen wochenweise durch Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft und Neuorientierung.

»Ein Tagebuch ist ein Ort, an dem alles ausgesprochen, alles gedacht und notiert werden darf – wirklich alles. Es ist ein zensur- und kritikfreier Ort.«
Tania Konnerth, Von der Seele schreiben, 2015, S. 75

Motto Journals

Wer in letzter Zeit mal in einer größeren Buchhandlung gestöbert hat, dem ist vielleicht schon aufgefallen, dass auch der Buchmarkt den Selbstoptimierungsdrang vieler Tagebuchschreiber entdeckt hat. Die im Buchhandel erhältlichen Journals kommen mit hübsch gestalteten Seiten daher, mit einem Schema für die Eintragungen, mit Sinnsprüchen und Impulsfragen. Bislang begegnet sind mir folgende Tagebuch-Motti: Schwangerschaft, Achtsamkeit, Geburt, Reise, Krankheit, Trauer,  Diät, Erfolg, Dankbarkeit, Traum/Schlaf und Glück. Eine breite Auswahl hat der Groh Verlag im Programm.

Reise-Tagebuch mit Erinnerungsfotos

Ein weiteres Motto kann auch die Erarbeitung der eigenen Biografie sein. Als ich noch im Buchhandel tätig war, gab es irgendwann eine Welle mit Ausfüllbüchern für die ganze Familie: „Mama, erzähl doch mal!“, „Opa, erzähl doch mal!“ usw. Seitdem sind diese Erinnerungs-Tagebücher nicht mehr aus den Regalen einer Buchhandlung wegzudenken.

»Dem Tagebuch sollte alles anvertraut werden können, auch die intimsten Dinge. Das Geheimnis, das es umgibt, darf von Dritten nicht gelüftet werden. Das Tagebuch wird zum ultimativen Ort, an dem man über seine Wünsche, Hoffnungen und Erlebnisse schreiben darf.«
Christian Schärf , Schreiben Tag für Tag, 2012, S. 110

Schonungslose Ehrlichkeit

Egal, für welche Form des Tagebuchschreibens ihr euch entscheidet, das wichtigste ist Offenheit. Wer sein Tagebuch oder Journal mit der Angst schreibt, jemand könne es unerlaubt lesen, der wird nicht ehrlich zu sich selbst sein und dabei geht es schließlich bei den meisten Formen. Als Kind besaß ich ein Tagebuch mit Schloss, das mir meine Uroma zum Geburtstag geschenkt hat. Sie selbst war eine passionierte Tagebuchschreiberin. Nach ihrem Tod sind die Bücher an ihre Kinder übergegangen, die diese auch gelesen haben. Wenn man das nicht möchte, kann man das testamentarisch regeln. Manche verbrennen ihre Tagebücher irgendwann, andere lesen immer mal wieder nach, wie sie bestimmte Ereignisse erlebt haben. Jeder wie er mag. Um die ganze Kraft der therapeutischen Wirkung zu entfalten, solltet ihr euch während des Schreibens jedenfalls keine Sorgen machen müssen, dass euer Tagebuch gelesen werden könnte.

Und ich?

Ich halte es mit dem eingangs zitierten Christian Schärf: Bei mir ist alles erlaubt. Ich mische verschiedene Methoden, führe Tagebuch und Journal. Mal in Form einer stichwortartigen Chronik oder einer Beschreibung von mehr oder weniger wichtigen Ereignissen. Ein anderes Mal reflektiere ich ausführlich den Tag oder ein Thema, das mich beschäftigt. Das kann frei oder anhand eines Schreibimpulses sein. Ich schreibe übrigens phasenweise. Ein Tagebuch muss nämlich nicht zwangsläufig täglich geführt werden. Das unsystematische und bruchstückhafte gilt als elementares Merkmal von Tagebüchern.
Wie gesagt: alles ist möglich und erlaubt, man darf also getrost auch nur an vier Tagen im Jahr die persönlichen Highlights festhalten oder das Schreiben auf Krisenzeiten beschränken.

Weiterführende Informationen

Mehr Journaling auf Vollwortkost.

Das Tagebuch im Bücher Wiki.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: