Vom Glück in Gesellschaft zu schreiben

Schreiben ist ein einsames Geschäft, sagt man. Romanautoren und freiberufliche Texter sitzen oft stundenlang allein am Schreibtisch. Einige genießen genau das, denn viele Schreibende sind eher introvertiert, brauchen viel Ruhe und sind gern mit sich allein. Doch was, wenn man zu den Autoren gehört, die gerne andere Menschen um sich herum haben? Denen Austausch und Gespräche wichtig sind?

Zwei junge Frauen tauschen sich über das Schreiben aus

Erste Hilfe gegen Einsamkeit beim Schreiben

Du gehörst zu den Schreibenden, die zwischendurch gerne mal eine Runde schnacken? Dann kennst du sicher folgendes Szenario: Du sitzt vor deinem Rechner, dein aktuelles Schreibprojekt ist geöffnet, doch du kommst einfach nicht in die Gänge. Du checkst alle zwei Minuten Whatsapp, Facebook oder deine E-Mails, rufst endlich mal wieder deine Oma an und rennst in den nächsten Supermarkt, um ein paar freundliche Worte mit der Kassiererin zu wechseln. Prokrastination aus Einsamkeit? Ja, ich glaube, das gibt es, auch wenn ich keine Studien o.ä. kenne, die dies belegen. Vielmehr heißt es, Einsamkeit entstehe durch Aufschieberitis. Einzig der Psychologe Manfred Beutel unterstützt meine These in einem Interview mit der Zeit:

„Wir wissen, dass es für Prokrastination eine ganze Reihe von Risikofaktoren gibt. Einfache, langweilige Tätigkeiten mit wenig Eigenverantwortung fördert Aufschieberei. Ebenso allein zu sein. Jemand ohne Partner spielt häufiger am Handy und surft mehr im Internet als ein Mensch, der bedeutungsvolle Gespräche führen kann. (…) Deshalb ja: Prokrastination und Einsamkeit (…) stehen in Wechselbedingung zueinander.“

Wenn du dich darin wiedererkennst, habe ich ein paar Tipps für dich gegen die Einsamkeit beim Schreiben, die ganz nebenbei deine Produktivität erhöhen.

#1 Schreibe an anderen Orten

Wenn mir an Schreibtagen zuhause die Decke auf den Kopf fällt, gehe ich gerne in die Bibliothek (siehe dazu meinen Blogartikel Meine-Bibliotheksgeschichte). Hier komme ich zwar eher selten mit Menschen ins Gespräch, aber ich höre andere Gespräche, höre Kinder toben und erhalte nebenbei Inspiration für meine Geschichten. Viele Autoren schwören auf Schreiben in Cafés. Kein Wunder, Kaffeehäuser sind seit ihres Bestehens beliebte Treffpunkte für Künstler.

Frontansicht eines Cafés

In Diana Hillebrands Schreibratgebern „Heute schon geschrieben?“ finden sich verschiedene Übungen, die dazu anregen, in einem Café zu schreiben. Denn dort kann man prima seine Sinne schärfen: Gerüche, Geräusche, Gespräche regen zur genauen Beobachtung an und lassen sich anschließend in kleine Szenen verarbeiten. Natalie Goldberg hat sogar einen ganzen Schreibratgeber unter das Motto „Schreiben in Cafés“ gestellt.

Aber auch belebte Parks oder Flussufer können die akute Einsamkeit beim Schreiben in Luft auflösen. Wo für dich der beste Ort zum Schreiben ist, ist eine Typfrage. Probiere es einfach aus!

#2 Teile deine Ideen mit Freunden

Damit du dich beim Schreiben weniger allein fühlst, kannst du auch Freunde und Verwandte in deinen Schreibprozess mit einbeziehen. Wenn du bei Recherchen nicht weiterkommst, frage jemanden um Rat, der sich mit dem Thema auskennen könnte. Erzähle bei Treffen von deinen Geschichten, vielleicht findest du ungeahnt einen Experten zu deinem Schreibthema. Durch Vorgespräche dieser Art kannst du auch herausfinden, wer sich später als Testleser deiner Rohfassung eignen könnte, wer dir ein wohlwollendes aber gleichzeitig ehrliches und konstruktives Feedback geben könnte.

Wozu das Ganze? Als Autor braucht es ein ehrliches Feedback, damit man sich weiterentwickeln kann. Die Autorin Ulrike Scheuermann hat dazu noch einen ganz konkreten Tipp: Verabreden einen fixen Termin für das Feedback, so dass du sicher sein kannst, die Rückmeldungen für deine Überarbeitung rechtzeitig zu bekommen.

#3 Finde ein Schreibtandem

Ein Schreibtandem ist eine Person, die dich in deinem Schreibprozess begleitet – und andersrum begleitest du sie auch. In einem möglichst festgelegten Turnus tauscht ihr euch schriftlich, telefonisch oder persönlich über eure Ideen, Texte oder Schreibhemmungen aus. Die Zusammenarbeit kann sich aber auch so gestalten, dass ihr euch zu Schreibtreffen verabredet, bei denen jeder an seinem Text arbeitet.

Ich habe das Glück, dass meine beste Freundin das Schreiben genauso sehr liebt wie ich. Seit Jahren tauschen wir uns über unsere Texte aus, brainstormen gemeinsam, geben uns Feedback und motivieren uns, wenn es mal nicht so gut läuft. Wir haben sogar zusammen zwei Jugendromane verfasst und dabei unfassbar viel miteinander und voneinander gelernt. Da uns inzwischen knapp 600 km voneinander trennen, kommunizieren wir hauptsächlich übers Telefon, mit Sprachnachrichten oder über die Kommentarfunktion in Word. Dass ich sie jederzeit mit Fragen und Feedbackwünschen behelligen darf, tut einfach unfassbar gut.

#4 Schließe dich einer Schreibgruppe an

Stephen King stellt in seinem Buch „Über das Schreiben“ klar, dass er von Schreibgruppen nichts hält, obwohl er seine Frau in einer kennengelernt hat. Ich sehe das anders, nämlich wie Annette Schäfer, die auf Psychologie-heute.de schreibt:

»Gruppen tun auf vielfältige Weise gut. Die gegenseitige Hilfe und das Gefühl von Vertrauen unter Gleichgesinnten scheinen sehr wirkungsvoll Belastungen abfedern zu können.«

Na, hast du Lust bekommen, dich einer Schreibgruppe in deiner Nähe anzuschließen? Sowohl als Schreibberaterin wie als Autorin kann ich es dir nur empfehlen – und das nicht nur, weil ich selbst zwei Schreibgruppen leite (siehe hier). Ich bin auch selbst als Schreibende in zwei Gruppen aktiv, musste aber erst einige ausprobieren, bis ich das gefunden hatte, was mir wichtig war: eine gute Vertrauensbasis, die von Anfang an stimmte, konstruktives Textfeedback und ein reger Austausch über den Schreibprozess, Schreibwettbewerbe oder Veranstaltungen. Aber jeder hat andere Vorstellungen und Bedürfnisse. Wenn es dir beim ersten Mal nicht gefällt, gib nicht auf, suche weiter. Es gibt zahlreiche (Online-)Schreibgruppen, die sich intensiv und erfolgreich über Texte austauschen. Wenn dich das interessiert, klick dich einfach ein wenig durch Autoren-Foren auf Facebook oder suche im Netz nach Autoren-Communities wie Authorwing, dem #Schreibnacht oder probiere es mit dem NaNoWriMo – einem Schreibprojekt, an dem jährlich tausende Autoren weltweit teilnehmen.

#5 Besuche Schreibkurse oder Veranstaltungen für Autoren

Zuletzt noch ein ganz profaner Tipp: Stöbere im Kursverzeichnis einer VHS in deiner Nähe und besuche einen Schreibkurs. Das ist erschwinglich und wenn es dir gefällt, gemeinsam mit anderen nach Anleitung zu schreiben, gibt es ausreichend private Anbieter, die Schreibkurse anbieten. Wenn du sie nicht kennst, empfehle ich dir die Literaturcamps in Bonn, Heidelberg, Hamburg und Berlin. Hier kommt man superschnell mit Gleichgesinnten in Kontakt und lernt sogar noch etwas.

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