Therapeutisches Schreiben #2: Wege zum Unterbewusstsein

In einer Weiterbildung zur Schreibtherapeutin (außerhalb der Heilberufe) habe ich gelernt, was sich hinter schreibtherapeutischen Methoden verbirgt und wie man sie in Schreibwerkstätten und Schreibkursen anleitet. Viele dieser Methoden kannst du zuhause selbst anwenden. Eine kleine Auswahl stelle ich dir in diesem Blogartikel vor. Was du im Vorfeld dazu wissen solltest, kannst du hier nachlesen.

Tasse Kaffee und Notizblock

Methoden der Schreibtherapie

Schreibtherapie bedeutet Heilung durch Schreiben, indem du dich beim Schreiben deinem Unterbewusstsein annäherst. Das ist laut psychologischem Lexikon die Bewusstseinsebene, deren Inhalte dir nicht bewusst sind, die aber durch Reflexion bewusst gemacht werden können. Dadurch lassen sich nach Lutz von Werder, Koryphäe in der Schreibforschung, sogar leichte Neurosen ohne psychotherapeutische Begleitung heilen.* Für diese Reflexion kannst du schreibtherapeutische Techniken und Übungen einsetzen. Vielleicht sind dir einige davon bereits im Kontext mit achtsamem oder kreativem Schreiben begegnet. Beim therapeutischen Schreiben sollen jedoch keine literarischen bzw. schönen Texte entstehen, sondern heilende. In diesem Artikel möchte ich dir das Automatische Schreiben, das Serielle Schreiben und zwei Spielfromen der Poesietherapie vorstellen. Bist du bereit? Dann schnapp dir einen Stift und ein Blatt Papier und schreib los!

1. Automatisches Schreiben

Das automatische Schreiben wird auch Freies Schreiben, Expressives Schreiben, Non-Stop-Schreiben oder Intuitives Schreiben genannt. Bei dieser Methode geht es darum, den Text einfach aus dir rausfließen zu lassen und dabei deine Gedanken und Gefühle aus dem Unterbewussten hervorzuholen. Für die Anwendung zuhause eignen sich das Freewriting und das Focuswriting – übrigens Methoden, die auch in der Schreibdidaktik und Schreibberatung gängig sind.

Freewriting

Beim Freewriting geht es darum, dass deine Gedanken fließen und du diesen Gedankenstrom schnell und unzensiert zu Papier bringst. Das gelingt am besten, wenn du dir einen Timer stellst. Beginne mit fünf Minuten und steigere dich, wenn dir danach ist auf 8, 15 oder 30 Minuten. Beherzige beim Durchführen dieser Übung folgendes:

  • Versuche, während der Timer läuft, komplett durchzuschreiben. Setze den Stift nicht ab, wiederhole stattdessen ein und denselben Wortlaut oder zeichne Wellen oder Linien. Mache das solange, bis ganz von allein etwas anderes kommt. Durch die ununterbrochene Verbindung von Gedanken und Stift, aktivierst du das Unterbewusste und so manch erstaunliche Gedanken landen auf dem Papier.
  • Wenn die Zeit abgelaufen ist, lies deinen Text noch einmal durch, unterstreiche interessante Gedankengänge und fasse zum Abschluss neue Erkenntnisse oder offene Fragen als kurzes Fazit zusammen. Diese können dir als Ausgangspunkt für ein Focuswriting dienen.

Focuswriting

Beim Focuswriting gehst du genauso vor, wie beim Freewriting – mit nur einem Unterschied: Du schreibst schnell und unzensiert alles auf, was dir zu einem Ausgangsthema einfällt. Dieses Thema kann ein Stichwort oder eine sogenannte Reizfrage sein und sich ggfs. aus einem vorangegangenem Freewriting ergeben. Mögliche Reizfragen könnten sein:

  • Welche Farbe herrscht gerade in meinem Tag vor?
  • Wofür bin ich mir selbst dankbar?
  • Was wäre heute alles nicht geschehen, wenn es mich nicht gäbe?
Mann mit Kugelschreiber und Notizbuch

2. Serielles Schreiben

Für die Technik des Seriellen Schreibens wählst du zunächst einen Satzanfang aus. Dieser kann ein bestimmtes Thema einleiten, mit dem du dich näher auseinandersetzen möchtest oder zum Ziel haben, eine Fragestellung zu beantworten, die dich beschäftigt. Was auch immer dich umtreibt, vervollständige deinen Satzanfang mehrmals hintereinander. Beginne jede Wiederholung in einer neuen Zeile. Lass deinen Gedanken freien Lauf, schreibe auf, was kommt. Ideal sind 21 Wiederholungen. Was? So viele? Ja! Du wirst sehen: Durch die Wiederholung kommst du sehr schnell in einen automatischen Prozess, der dein Unterbewusstes immer tiefer auf eine bestimmte Fragestellung hinlenkt. Je länger du dranbleibst, umso höher ist deine Chance, dass die Übung heilsam für dich ist, weil du etwas Neues über dich erfährst, eine neue Erkenntnis gewinnst, endlich eine Emotion benennen kennst, oder oder oder …

Impulse für Satzanfänge und Lückensätze

Jetzt gerade …
Ich fühle mich …
Ich bin dankbar für …
Was mir wichtig ist …
Ich erinnere mich …

Blatt Papier und Füller

3. Gedichte

Gedichte als Methode der Poesietherapie sind eine tolle Möglichkeit, deine Emotionen auf spielerische Weise in Worte zu fassen. Was fühlst du gerade? Liebe, Schmerz, Wut, Freude, Glaube, Hoffnung? Statt einer Emotion kannst du in deinem selbsttherapeutischen Gedicht genausogut Ereignisse, Erinnerungen, Personen & Begegnungen verarbeiten oder dich mit Sinneseindrücken beschäftigen. Wie wäre es z.B. mit einem kleinen Gedicht über eine Farben, eine Jahreszeit oder deine Empfindungen zu Zukunft, Gott oder Glück?

Haiku

Haiku sind dreizeilige Gedichte mit zusammen 17 Silben, die der Rhythmik 5–7–5 folgen. Dieser Rhythmus soll unserem Atemrhythmus beim Meditieren gleichen, weshalb Haiku besonders eingängig und beruhigend wirken. Abgesehen von der Silbenstruktur gibt es keine weiteren „Regeln“. Haiku können kann ganz frei von Form und Reimen sein. Da sie meistens eine Art Momentaufnahme sind, werden sie üblicherweise in der Gegenwartsform verfasst. Beim therapeutischen Schreiben darfst du dich davon aber jederzeit lösen und auch die Silbenstruktur jederzeit durchbrechen und abwandeln. Sich starr daran zu halten und auf den Punkt zu formulieren kann aber auch hilfreich sein. Probiere einfach ein wenig herum, bis du deinen Rhythmus gefunden hast. Hier ein Beispiel-Haiku zum Thema Identität:
Wer bin ich heute?
Wer bin ich nächste Woche?
Ich bin immer ich.

Elfchen

Elfchen sind Gedichte, die aus elf Wörtern bestehen, welche sich nach dieser Vorgabe auf fünf Zeilen verteilen: 1 Wort – 2 Wörter – 3 Wörter – 4 Wörter – 1 Wort. Aber genau wie beim Haiku, kannst du dich gern treiben lassen und die elf Wörter so auf die Zeilen verteilen, wie du magst. Wenn du eher Orientierung brauchst, richte dich gerne nach diesen Vorgaben:

  • Benenne in der 1. Zeile eine Farbe oder eine Eigenschaft mit nur einem einzigen Wort. Dieses Wort kann gleichzeitig als Überschrift deines Elfchens dienen.
  • Lass dich für die 2. Zeile vom ersten Wort inspirieren: Welcher Gegenstand bzw. welche Person oder Situation fällt dir dazu ein? Benenne es oder sie mit zwei Wörtern.
  • Beschreibe in der 3. Zeile den Gegenstand bzw. die Person mit drei Wörtern. Bleibe hier möglichst noch sachlich.
  • Stelle in der 4. Zeile mit vier Wörtern deinen persönlichen Bezug zum Gegenstand bzw. zur Person her.
  • Zuletzt schließe das Elfchen in der 5. Zeile mit einem Fazit ab. Verwende dafür nur ein Wort.

Schreibe dein Elfchen so, wie es dir guttut. Beim selbsttherapeutischen Schreiben geht es schließlich nicht darum, dass du irgendwelche Regeln befolgst. Mach dich frei von formellen Vorgaben. Schreibe ein Elfchen mit Zwölf Wörtern oder tausche die Zeilen zwei und vier. Alles ist möglich und alles ist erlaubt! Hier ein Elfchen-Beispiel:
Tristesse.
Hallo Traurigkeit!
Du gebrochenes Herz,
in farblose Tränen gekleidet,
einsam.

Weiterführende Informationen

Tagebuch & Journaling als Form des selbsttherapeutischen Schreibens auf Vollwortkost

Mehr über Haikus auf Vollwortkost

Quellen:
Lexikon der Psychologie, Spektrum Akademische Verlag GmbH Heidelberg, 2001

* Solltest du dich während oder nach dem Ausführen einer der Übungen unwohl fühlen, empfehle ich dir dringlichst, dich an einen Arzt zu wenden bzw. einen Psychologen zu konsultieren. Auch wenn du bereits in psychotherapeutischer Behandlung bist, sprich bitte zunächst mit deinem Therapeuten bevor du loslegst!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: