Intuitives Schreiben

Manchmal tendieren wir beim Schreiben dazu, uns selbst zu verlieren, zum Beispiel, wenn wir uns selbst unter Druck setzen und von uns verlangen, alles richtig zu machen, den perfekten Text zu schreiben. Leider passiert dann manchmal genau das Gegenteil und unsere Worte klingen hölzern, leer oder künstlich. Mit intuitivem Schreiben können wir unseren Perfektionismus ablegen und uns wieder mit uns selbst verbinden, um so unseren Texten mehr Authentizität, mehr Emotion und mehr Klang zu verleihen.

Mit intuitivem Schreiben machen wir uns selbst lesbar

Beim intuitivem Schreiben verfassen wir Texte, die zunächst nur für uns selbst bestimmt sind. Es geht darum, tief in sich hinein zu spüren und den Instinkten zu folgen statt der Ratio, sich also vom Klang der inneren Stimme treiben zu lassen. Im Fokus stehen unsere Gefühle, Stil, Ausdruck und Logik spielen keine Rolle. Deshalb ist intuitives Schreiben sowohl für Vielschreibende geeignet, die in ihren Texten Lebendigkeit oder Wahrhaftigkeit vermissen, als auch für Anfänger oder Wiedereinsteiger, die sich auf eine achtsame und natürliche Weise (wieder) ans kreative oder persönliche Schreiben herantasten möchten. Intuitiv schreiben kann jeder, der sich darauf einlässt.

Du bist bereit? Fein. Alles, was du zum intuitiven Schreiben benötigst, sind ein Stift, ein Blatt Papier oder Notizheft und ein Impuls, der dir die Richtung vorgibt. Diese Eingebung kann dich entweder zum Schreiben anregen oder dir kurz bevor du losschreibst, spontan zufliegen. Das kann etwas Persönliches sein wie ein Erlebnis, das dich bewegt oder eine Emotion, die dich gerade begleitet. Es kann aber auch etwas sein, dass nicht direkt mit dir zu tun hat, das aktuelle Weltgeschehen oder eine Nachricht im Lokalblättchen. Oder es ist eine ganz fiktive Inspiration wie eine Figur, eine Handlung oder ein magischer Ort. Genauso gut kannst du dich von einem Foto, einem Gegenstand oder einem Geruch inspirieren lassen. Solange du auf deine Intuition hörst und nichts erzwingst, sind deiner Fantasie keine Grenzen gesetzt. Ebenso wie der Weg, den dein Impuls einschlägt, völlig frei ist. Das heißt, du legst einfach los und lässt dich überraschen, wohin die Worte dich führen. Vielleicht entfernst du dich von deinem Ausgangs-Impuls, vielleicht verdichtet er sich aber auch. Vertraue deiner Intuition. Die macht das schon. Du brauchst dir also im Vorfeld weder Gedanken über eine mögliche Handlung noch über eine passende Form für deinen Text machen. Beides wird sich im Schreiben finden. Vielleicht entsteht eine Liste sein, eine Sammlung von Stichpunkten, eine Skizze, Miniatur, Beschreibung, eine kleine Erzählung oder ein Gedicht. Oder vielleicht auch nur die Rohfassung von einem davon. Zunächst ist auch irrelevant, was im Anschluss mit dem Text geschieht. Der Weg ist das Ziel. Vielleicht bringt er dir neue Erkenntnisse, die dir bei anstehenden Entscheidungen helfen, vielleicht ist dein Text die Basis für ein literarisches Projekt. Alles ist möglich, was davon du möglich machen wirst, entscheidest allein du.

Du merkst, wie wichtig es beim intuitiven Schreiben ist, loszulassen. Ängste oder Perfektionsbestreben haben hier nichts verloren, sie hemmen nur ganz unnötig den intuitiven Fluss deiner Gedanken auf dem Weg zum Papier und dürfen deshalb gerne kurz auf Standby geschaltet werden. Das mag einfach klingen, kann aber gerade am Anfang schwierig sein. Denn mit intuitivem Schreiben machen wir uns selbst lesbar und es erfordert ein gewisses Maß Kühnheit und Selbstvertrauen, das Tor zum eigenen Unbewussten, zu tief verborgenen Gefühlen und Gedanken zu öffnen und sich dadurch in Form von Worten selbst zu offenbaren.

Lass dich von deinem Bauchgefühl leiten.

Wenn du möchtest, stimme dich kurz auf das Schreiben ein. Schließe für einen Moment die Augen und lasse dein Thema, deinen Impuls wirken. Vielleicht entsteht vor deinem inneren Auge ein Bild oder du fängst eine Emotion oder Stimmung in dir ein, mit der du ins Schreiben startest. Wenn du bereit bist, öffne die Augen und beginne zu schreiben. Schreibe wild, schreibe quer über das Blatt, verlass Linien oder Kästchen. Variiere die Geschwindigkeit und schreibe schnell, dann langsam und wieder schneller. Groove dich solange ein, bis du das Gefühl hast, deine Schreibhand kann mit deinen Gedanken Schritt halten. Das ist wichtig, denn wenn das, was dir im Kopf herumschwirrt unmittelbar auf dem Papier landet, bleibt deinem inneren Kritiker keine Zeit, dich zu sabotieren und du kannst viel befreiter und unbeschwerter schreiben. Nimm dir also ruhig ein wenig Zeit, um dein ideales Schreibtempo zu finden und dich beim Schreiben von deinen Erwartungen und Ansprüchen an dich selbst zu lösen. Und dann: Schreibe! Achte nicht auf Rechtschreibung oder Grammatik, auf Stil oder Rhythmus. Schreibe einfach möglichst unbefangen so lange, wie es sich für dich richtig anfühlt.

Es kann sein, dass du zwischendurch ins Stocken gerätst und nach Worten ringst. Das ist völlig in Ordnung. Wenn es nötig ist, lege kurze Denkpausen ein. Aber bleib mit deinen Gedanken möglichst vorwärts gerichtet, sonst riskierst du, die Verbindung zu deiner Intuition zu verlieren. Lies deinen Text also lieber erst hinterher durch und schließe stattdessen deine Augen, atme tief ein und aus und spüre noch einmal in dich hinein. Solange du danach das Gefühl hast, du solltest noch weiter schreiben – oder anders herum: solange deine Intuition dir nicht sagt, dass dein Text fertig ist – vertraue darauf, dass weitere Worte auf dem Papier landen werden. Du wirst schon merken, wann es an der Zeit ist, den Stift niederzulegen. Wenn dir das intuitive Schreiben zu Beginn schwerfällt, lass dich nicht entmutigen. Bleibe dran, erinnere dich selbst daran, dass deine intuitiven Texte nur für dich bestimmt sind und probiere es erneut. Ich bin mir sicher, dass es dir von Mal zu Mal leichter fällt, dich auf dich selbst einzulassen.

Lies dir anschließend deinen Text durch und werte ihn aus. Markiere Wörter, Gedankensplitter oder Sätze, die dir wichtig erscheinen, notiere Kernaussagen oder Fragen, die sich aus deinem Text ergeben. Vielleicht eignet sich dein Text oder ein Textteil dafür, ihn weiter zu verwerten und in eine Gedichtform zu bringen oder als Szene in einem Roman zu verwenden. Dann darfst du jetzt gerne den Perfektionisten in dir wieder einladen und bitten, dir beim Ausarbeiten und dem finalen Feinschliff zu helfen.

Weiterführende Informationen

In|tu|i|ti|on [Intuition], die.
Impulsives, unbewusstes Entscheiden und Handeln auf Basis einer Eingebung.

Hast du Lust, das intuitive Schreiben gemeinsam mit mir auszuprobieren? Dann besuch einen meiner Schreibkurse im Raum München oder online. Mehr dazu auf dieser Website unter Termine.

Mein Buch „Lektionen und Melancholie“ enthält Gedichte und Miniaturen, die intuitiv entstanden sind sowie eine weiterführende Anleitung zum intuitiven Schreiben. Bestellbar in jeder örtlichen Buchhandlung oder und online, z.B. im Twentysix-Shop.

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