Therapeutisches Schreiben #1: Schreiben als Balsam für die Seele

In meiner Weiterbildung zur Schreibtherapeutin (außerhalb der Heilberufe) habe ich gelernt, was sich hinter schreibtherapeutischen Methoden verbirgt und wie man sie in Schreibwerkstätten und Schreibkursen anleitet. Du kannst diese Methoden aber auch zuhause für dich selbst anwenden (eine Auswahl findest du hier). Aber bevor du losschreibst, solltest du ein paar Basics übers therapeutische Schreiben wissen.

Schreibheft und Teetasse

Was ist (selbst)therapeutisches Schreiben?

Schreiben für und über sich selbst hat eine heilsame Wirkung, das wurde in vielen Studien erforscht und mehrfach belegt. In meinen Artikeln übers Tagebuchschreiben und Journaling bin ich bereits mehrfach darauf eingegangen, dass Schreiben nachweislich Stress reduziert, Kraft gibt und das Immunsystem stärkt. Schreiben unterstützt aber auch die Persönlichkeitsentwicklung, bringt Klarheit und schärft die (Selbst)wahrnehmung. Schreiben kann dabei helfen, seelische Krisen zu überwinden, belastende Erlebnisse zu verarbeiten und Lösungen für Probleme zu entwickeln. Und damit befinden wir uns auch schon mitten im weiten Feld des therapeutischen Schreibens zum Zweck einer Selbstheilung.

„Schreiben ist eine Selbsthilfe, die nebenwirkungsfrei und medizinisch völlig unbedenklich ist. Es ist eine kostengünstige Methode, die einem immer und überall zur Verfügung steht und die selbständig durchgeführt werden kann. Ein Mittel, das die psychische und körperliche Gesundheit fördert.“ (aus: Silke Heimes Ratgeber zum selbsttherapeutischen Schreiben „Schreib es dir von der Seele“)

Grundsätzlich stimme ich der Poesietherapeutin voll und ganz zu. Doch jetzt kommt ein dickes Aber: Du solltest schreibtherapeutische Methoden nur dann selbst anwenden, wenn du psychisch stabil bist. Solltest du dich beim Ausführen dieser Übungen unwohl fühlen oder im Nachgang Anzeichen einer Depression o.ä. bemerken, empfehle ich dir dringlichst, dich an einen Arzt zu wenden bzw. einen Psychologen zu konsultieren. Auch wenn du bereits in psychischer Behandlung bist, sprich lieber zunächst mit deinem Therapeuten bevor du loslegst!

Klingt alles mega kompliziert? Keine Sorge, das ist es nicht (oder nicht mehr). Aber werfen wir zunächst einen kurzen (versprochen!) Blick in die Geschichtsbücher.

Historische Entwicklung der Schreibtherapie

Selbsttherapeutisches Schreiben hat eine lange Tradition. Es wird seit vielen Jahren von Philosophen, Literaten und Psychologen praktiziert. Schon um 500 vor Christus herum betrieben griechische Philosophen wie Heraklit und Sokrates schriftliche Selbstanalysen, also frühe Formen des selbsttherapeutischen Schreibens. Eine spätere Form wurde im 17. Jahrhundert das Tagebuch, das viele nun nicht mehr dazu nutzten, Ereignisse chronologisch niederzuschreiben, sondern um Tagesabläufe, Träume oder Konflikte zu analysieren. Daraus entwickelte sich eine Form des Tagebuchschreibens, in der Grenzerfahrungen mit dem Ich im Vordergrund standen – anhand freier Assoziationen entlang der eigenen Biographie. Freud läutete schließlich die systematische Selbsterforschung durch Schreiben ein, bei der man tief ins Unterbewusstsein eintaucht. Daraus entwickelten andere Psychoanalytiker weitere Methoden wie die Selbstanalyse (Karen Horney) oder die Charakerselbstanalyse (Erich Fromm).

„Schreiben mit dem Ziel, sich selbst zu erkennen, Fehler zu korrigieren, Leiden zu artikulieren und abzubauen, gibt es seit Entstehung der europäischen Hochkultur.“ (aus: Lutz von Werders Einführung in die Schreib- und Poesietherapie „… triffst du nur das Zauberwort“)

Aus über 2.000 Jahren Schreiberfahrung heraus, hat sich also im letzten Jahrhundert eine wissenschaftlich fundierte Schreibtherapie entwickelt. Und darauf basieren einige gängige Methoden der heutigen Schreibtherapie.

Schreibtherapeutische Therapieformen: Schreibtherapie, Poesietherapie & Bibliotherapie

Diese Methoden werden u.a. in der Seelsorge, Hospizbegleitung und Altenpflege eingesetzt. Da ich keine Heilerlaubnis habe, darf ich schreibtherapeutische Übungen nur mit psychisch stabilen, gesunden Menschen durchführen, z.B. in Coachings oder in Schreibwerkstätten – und natürlich darf ich dir hier im Blog ein paar Anregungen geben. Ein Psychotherapeut dagegen darf Schreibtherapie im Rahmen einer psychotherapeutischen Behandlung einsetzen, um psychische Leiden wie Neurosen, Ängste und Depressionen durch Schreiben zu lindern. Immer häufiger finden begleitende Therapietagebücher Anwendung.

Notizheft und Füller

Ob mit Begleitung oder allein: Die heilsame Wirkung des Schreibens kann dich durch sämtliche Arten von Lebenskrisen tragen, denn Schreiben schafft Distanz zum Erlebten und zu den eigenen Emotionen. Deshalb kann Schreiben dir dabei helfen, Verluste zu verarbeiten, eine enttäuschte Liebe zu überwinden oder schwierige Krankheiten zu bewältigen – je nach mentaler Verfassung mit oder ohne Psychotherapeut an der Seite.

Wie du das angehst? Zum Beispiel indem du in einem Tagebuch nicht nur Tagesabläufe nacherzählst, sondern deine Gefühle und Gedanken niederschreibst und analysierst. Das Tagebuch ist der ideale Ort, um schreibtherapeutische Methoden selbst anzuwenden. Sicher wirst du schnell bemerken, dass du dich anschließend erleichtert fühlst, besser schläfst oder sogar die Lösung für ein Problem gefunden hast. Aber keine Sorge, falls du kein Tagebuch hast: Ein einzelnes Blatt Papier und ein Stift sind vollkommen ausreichend. Charakteristisch für das Tagebuch sind Methoden des automatischen Schreibens, bei denen die Form des Textes keine Rolle spielt. Es geht vielmehr darum, deine Gefühle und Gedanken aus dem Unterbewussten hervorzuholen und sie in Worten aufzuschreiben. Dabei ist völlig egal, ob das Ganze hübsch klingt oder ein einziges Wirrwarr ist. Alternativ kannst du dich auch eher künstlerisch schreibend mit dir selbst auseinandersetzen, indem du Methoden der Poesietherapie anwendest. Hier erhalten deine Texte einen gestalterischen Rahmen in Form von Geschichten, Märchen oder Gedichten.

Häufig steht die Poesietherapie in Verbindung mit Bibliotherapie, also dem Lesen zu therapeutischen Zwecken. Dazu können natürlich deine eigenen Texte gehören, aber auch fremde Gedichte oder Romane können eine heilsame Wirkung haben. Während meiner knapp zehnjährigen Tätigkeit als Buchhändlerin kamen täglich Lesende zu mir in den Laden, die nach Geschichten suchten, die eine ganz bestimmte Stimmung unterstützen sollten: erheiternde Lektüre bei Liebeskummer, etwas Melancholisches für trübe Herbsttage, etwas Spannendes als Gegenpol zum langweiligen Aktenwälzen im Job, und, und, und …

Zuletzt sei noch die Methode des Achtsamen Schreibens erwähnt. Aber eben nur erwähnt, denn das ist ein Thema für sich, das ich dir in einem eigenen Artikel vorstelle.

Und jetzt?

Sicher fragst du dich jetzt, wie du diese schreibtherapeutischen Methoden nun konkret zuhause anwenden kannst und was genau solche Methoden überhaupt sind. Die Antworten erhältst du in diesem Blogartikel: Therapeutisches Schreiben 2 – Wege zum Unbewussten

Weiterführende Informationen

Tagebuch & Journaling als Form des selbsttherapeutischen Schreibens auf Vollwortkost

Paul Henkel geht auf seinem Blog Schreibenwirkt geht noch detaillierter auf die Wirksamkeit des therapeutischen Schreibens ein.

Quellen:
Lutz von Werder: „… triffst du nur das Zauberwort“, 1986
Silke Heimes: „Schreib es dir von der Seele“, 2010

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